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06.11.2008
Die Ärztin Lilli Jahn sah ihre fünf Kinder nie
wieder
Wildauer Schüler erinnerten an das Leid
der Juden
WILDAU "Bis gleich" rief
Lilli Jahn im August 1943 ihren Kindern zu, als sie in ein Arbeitslager
verschleppt wurde. Sie sollte sie nie wiedersehen.
Kurz bevor sich die Pogromnacht, in der
Nazi-Horden Synagogen anzündeten und Juden misshandelten, zum 70. Mal
jährt, erinnerten Schüler des Gymnasiums Villa Elisabeth an das Leid
der Opfer. In einem literarisch-musikalischen Programm lasen sie aus
Briefen, die die jüdische Ärztin Lilli Jahn ihren vier Töchtern und
dem Sohn schrieb.
Mit der Aufführung präsentierte sich zum
ersten Mal der Literaturklub des Gymnasiums der Öffentlichkeit. Neben
Lehrern und Schülern waren Vertreter der Jüdischen Gemeinde aus
Königs Wusterhausen, Wildauer und Besucher aus Nachbarorten zu Gast.
Aus den Zeilen der Mutter sprach die
Sehnsucht nach ihrer zweijährigen Dorle und deren großen
Geschwistern. "Macht Euch um mich keine Sorgen", bittet sie
und ist in Gedanken bei ihnen: "Die Bonbons liegen im
Büffet."
Die Schreiben, wie auch die Antwortbriefe
an das "Liebe, gute Muttilein" hatte Jahns Enkel, Martin
Doerry, 2002 herausgegeben. Als Lillis nichtjüdischer Ehemann die
Familie verließ, entfiel der Schutz durch die sogenannte Mischehe. Die
Geschiedene wird denunziert, als sie auf ihrem Namensschild den vom
Regime aberkannten Doktor-Titel, aber nicht den verordneten Vornamen
Sara angibt.
Die letzte Nachricht kann sie vom
Transport in das Vernichtungslager Auschwitz senden. "Ich werde
tapfer sein und die Zähne zusammenbeißen", verspricht sie.
"Es ist mein heißer Wunsch, Euch alle wiederzusehen." Der
war ihr nicht vergönnt. Die 44-Jährige überlebte das KZ nicht.
Deutlich artikuliert und akzentuiert
tragen die 15- bis 19-Jährigen die ergreifenden Texte vor. Die
Zuschauer spüren, wie sie sich in deren Inhalt versetzen. "Die
gesamte Inszenierung haben die Gymnasiasten selbst gestaltet",
hebt Schulleiterin Sabine von Platen hervor. Sie arrangierten den
Wechsel von Musik und Text, schalteten das Bühnenlicht und entwarfen
den Programm-Zettel.
"Mich hat besonders beeindruckt, wie
sich die emanzipierte und lebenslustige Frau der 20er Jahre unter dem
Druck der Verhältnisse verwandelt, wie sie immer mehr Kummer ertragen
muss und deprimiert wird", sagt Alexander Liebenow, einer der
Mitwirkenden. "Es war eine schlimme Zeit damals", stellt er
fest.
"Es ist wichtig, dass sich junge
Menschen mit diesem Thema beschäftigen", betont Leonid
Gejdichowytsch von der Jüdischen Gemeinde, nachdem der lang anhaltende
Applaus verklungen ist. Das Wissen um das grausame Geschehen müsse von
Generation zu Generation weitergegeben werden. "Ich würde mich
sehr freuen, wenn das an jeder Schule so wie an dieser gehandhabt
würde", schließt Gejdichowytsch.
Die Beschäftigung mit dem Nachlass der
Ärztin Lilli Jahn gehört zum Projekt "Gelebte Toleranz", in
dessen Rahmen die Villa Elisabeth mit dem Berliner Centrum Judaicum
kooperiert. "In einem anderen Projektteil haben wir das Schicksal
der Jüdin Marie Jalowicz erforscht, die von einer Zeuthener
Artisten-Familie versteckt wurde und die Nazizeit überstand",
berichtet Geschichtslehrer Jochen Fleischhacker. Dazu wird jetzt eine
Ausstellung vorbereitet. kb
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