Rezensionen
Tobias Fischer, 13a ( Leistungskurs Deutsch)
Kampf um den armen Leopold

"Frau Jenny Treibel oder Wo sich Herz zum Herzen find´t "
im Theater an der Parkaue

Mehrmaliges Gelächter und "standing Ovations" zeugen von dem Erfolg der Aufführung. Das Publikum macht einen zufriedenen Eindruck über die Darstellung des Werkes, aber der Leser des Fontane-Romans denkt sich: "Es fehlt ganz schön viel ".
Unter den fehlenden Szenen sind leider auch solche, die zur Charakterisierung der beiden Hauptfiguren Frau Treibel (gespielt von Elvira Schuster) und Corinna (gespielt von Corinna Mühle) wichtig gewesen wären.
Die Inszenierung handelt hauptsächlich von der Verlobung Corinna Schmidts und Leopold Treibels. Doch die Heirat findet nicht statt, da die Mutter Leopolds empört ist und alles tut, um diese zu verhindern. Der Grund dafür liegt darin, dass Corinna zu emanzipiert ist und Jenny befürchtet, dass mit Leopold nur gespielt werden wird. Leopold wird es verboten, seine Verlobte zu sehen, und er hält sich an das Verbot. Am Ende kommt es allerdings doch noch zu einer Hochzeit. Von wem, sei hier noch nicht verraten.
So gerät der Kampf um den willensschwachen Leopold in den Vordergrund - an Stelle des Kampfes zwischen materiellen und ideellen Werten, den Fontane beschrieb. Wo ist beispielsweise die markante Szene, in der Jenny Treibel einer Plätterin zuschaut und sie um ihr einfaches Leben beneidet. Dabei muss man allerdings zugeben, dass die persönliche Interpretation des Regisseurs Kay Wuschek äußerst interessant umgesetzt wird. Sowohl das Bühnenbild, welches sich durch verschiedene Ebenen und Räume als sehr komplex und doch variabel erweist, als auch die schauspielerische Leistung der meisten Darsteller sind sehr lobenswert. Besonders tat sich Johannes Hendrik Langer als Marcell Wedderkopp hervor. Seine Mimik führt sowohl zu Lachern als auch zu Erstaunen meinerseits über die überzeugende Darstellung der Figur. Eine Kritik an den Schauspielern ist das teilweise zu schnelle Sprechen, was das Zuhören erheblich erschwerte.
So lässt sich sagen, dass die humoristische und für die Allgemeinheit zugeschnittene Darstellung des Romans für den Kenner zwar eine interessante und unterhaltende Alternative bietet, aber dennoch lückenhaft ist und eher als Snack für zwischendurch fungieren wird.

 

Vincent Pretky, 13a
Ein modernes Stück über die Emanzipation

,,Frau Jenny Treibel" im Theater an der Parkaue

Das Publikum ist begeistert, ob jung, oder alt, die meisten Zuschauer finden das Stück großartig. Die Inszenierung greift vor allem die zwischenmenschlichen Beziehungen aus Theodor Fontanes Roman auf. Der Regisseur Kay Wuschek geht bei seiner Interpretation besonders auf die junge Professorentochter Corinna ein, die einen passenden Ehemann für sich sucht.
Sie hat genaue Vorstellungen, wie dieser zu sein hat. Er muss aus gutem und reichem Hause kommen. Der Auserwählte ist Leopold Treibel, Sohn eines Fabrikbesitzers, der ihr ebenfalls zugeneigt ist. Jedoch hat sie dabei die Rechnung ohne die Mutter Leopolds, Jenny Treibel, gemacht. Diese will nicht, dass ihr Sohn unterhalb des eigenen Standes heiratet, und findet eine - aus ihrer Sicht passendere - reiche Frau für Leopold. Corinna kämpft zwar um Leopold, doch dieser schafft es nicht, sich gegen seine Mutter zu erheben, und gibt ihr schließlich nach. Aus der Not heraus heiratet Corinna ihren Vetter Marcel.
Die schauspielerische Leistung aller Darsteller ist glaubwürdig und gut. Heraus stechen aber Corinna Mühle in der Rolle der Corinna und Elvira Schuster in der Rolle der Jenny Treibel. Beide geben ihren Rollen durch ihren Charme und ihren Humor einen besonderen Touch. Durch sie wird das Stück für den Zuschauer interessant und lustig. Ein weiterer positiver Punkt ist das aufwendig gestaltete Bühnenbild. Die Macher verbauen sehr schöne Lichtspiele und trennen die Wohnung der Treibels und die von Corinna durch schöne Pflanzkästen. Durch dieses Bühnenbild wirkt das gesamte Stück eher wie aus der Moderne. Fontanes Roman spielt allerdings am Ende des 19. Jahrhunderts. Auch die Kostüme sind aus der heutigen Zeit. Vom schicken Abendkleid über das einfache Tweetjacket bis hin zum normalen Kleid, alles ist typische Kleidung für die heutige Zeit.
Auf diese Art schaffen es die Autoren, dass die Problematik des Romans sich leicht vom 19. Jahrhundert auf die heutige Zeit übertragen lässt. Dadurch kann sich der Zuschauer leicht in eine der Rollen hineinversetzen und das gesamte Stück besser verstehen. Außerdem kann man so nun auch die Problematik um Corinna auf die heutige Zeit übertragen. Ist sie eine emanzipierte Frau? Auch heute gibt es noch Frauen wie Corinna, die nur reiche Männer suchen und diese nur des Geldes wegen heiraten, um die veraltete Rollenverteilung in der Ehe zu übernehmen. Corinna unterscheidet sich jedoch in einem Punkt von diesen Frauen. Sie will unbedingt vorankommen, und da ihr dies im Berufsleben verwehrt wird, kann sie es nur durch eine geschickte Eheschließung schaffen, in gesellschaftlich höhere Kreise zu kommen. Sie ist also durchaus eine Frau mit Zielen und ist deshalb vielleicht auch aus heutiger Sicht emanzipiert. Die Autoren und Schauspieler zeigen mit ihrer Arbeit, dass dies nicht nur ein Problem der Vergangenheit ist, sondern sich bis in die Gegenwart hält.
Meiner Meinung nach ist es das aufwendigste und durchdachteste Stück, das ich im Theater an der Parkaue gesehen habe. Für 8 € wird dem Zuschauer 110 Minuten lang eine lustiges, interessantes, aber auch tragisches Theaterstück geboten, dass sich jedermann ansehen kann.