Grundkurs Deutsch 2010

Wir sprachen über die Romantiker und ihre Verachtung für die Philister, also die Spießer ihrer Zeit. Hier nun einige Glossen auf die Philister der heutigen Zeit:

Andreas Claaßen (Gk Deutsch 13 a)

Gewöhnliche, ungewöhnliche Menschen

Spießer leben nicht. - Sie arbeiten sich lediglich ihrem Ruhestand entgegen. Sie richten sich ihr Leben nach dem Vorbild des - aus ihrer Sicht - normalen Menschenbilds ein, welches sich jedoch wiederum am langweiligen, alltäglichen Ottonormalverbraucher orientiert.
Kultur-, Poesie-, Kunst- und Musikgeschmack werden ihnen von der Gesellschaft vorgeschrieben bzw. völlig außer Acht gelassen.
Zu dem Zeitpunkt, wo den Spießern ihr Leben zu eintönig verläuft, - insofern dies überhaupt möglich ist -, suchen sich die Betroffenen - einem Ertrinkenden gleich - ein Rettungsboot, um nicht aus lauter Langeweile Amok zu laufen. Solche Spießer leben nach der Regel des Siebentagefiebers. Dieses gebietet es ihnen etwa, jeden Sonntag zusammen mit ihrem furchtbar aufregenden Partner eine drittklassige Tanzschule zu besuchen, in der sie die gleichen eintönigen Grundschritte für sämtliche Gesellschaftstänze einüben - was für sie jedoch die extreme Aufregung und einen wöchentlichen Ausgleich bedeutet.
Sonst ist da nicht viel. Bettruhe ist spätestens nach dem täglichen SAT 1-0815-Film und das Einzige, was einen Spießer in diesem Zustand noch vor sich selbst retten könnte, wäre ein Stromausfall.

Aber...

Auch Spießer sind Menschen... und somit lernfähig. Da sie gesellschaftliche Anlässe aus lauter Angst vor Konversation ignorieren, sind sie zwar nur selten auf Partys oder gar Hochzeiten anzutreffen, aber dort verwandeln sie sich nach ein paar Drinks und dank ihrer Unerfahrenheit im Umgang mit Alkohol nach kurzer Zeit in wahre Partylöwen. Als Alleinunterhalter sind sie demnach ein echter Geheimtipp.
Aber sie wären ja keine Spießer, wenn sie solche Abende am nächsten Morgen mit einem fremden Menschen neben sich im Bett nicht bereuen würden...

Emilia Kühn (Gk Deutsch 13 a)

Max Mustermann im Ameisenhaufen

Ein Philister, eine Bezeichnung aus der Romantik, ist ein ein Mensch, der sich nach den Normen der Gesellschaft richtet. Wie ein Ahornblatt im Herbst fällt dieser vom Ast, lässt sich vom Wind treiben, bis er auf dem Boden landet und als Fußabtreter verwendet wird. Sein Leben ist einwandfrei anständig und von der Schnullerfarbe bis zum Grabstein geplant. Bis zum Vergiss-mein-nicht ist er verängstigt vor der Heldentat Eigenverantwortung zu übernehmen. Drum versteckt er sich im sicheren Ameisenhaufen vor unzurechnungsfähigen Freidenkern.
Und nun bleibt noch die rhetorische Frage: Kann Max Mustermann aus seinem selbsterstellten Käfig befreit werden, wenn er doch schon als frischgeborenes Baby eine gebügelte Lands'End-Modekollektion besaß?