Nachtrag zu unserer Weimar-Exkursion 2009

Im Unterricht haben wir die Textsorte der Rezension besprochen, in Weimar waren wir im Theater und hier kann man sehen, wie unterschiedlich ein und derselbe Theaterabend rezensiert wurde.

Schiller und das Cello

Eine musikalisch-szenische Lesung des Werks "Der Verbrecher aus verlorener Ehre"

Sie erhebt sich. Ihr Blick ist starr und durchdringend auf das Publikum gerichtet. Langsam setzt sie sich in Bewegung und marschiert dabei direkt auf die erste Reihe zu. Die dort sitzenden Zuschauer weichen unwillkürlich auf ihren Plätzen zurück. Ihr Instrumentenbogen knallt ein weiteres Mal auf das Cello. Kurz bevor sie das Publikum erreicht, dreht sie sich ruckartig nach rechts und setzt so ihren Weg fort.
Die eben beschriebene Szene hätte gut zu einem Horrorfilm mit dem Titel "Cello des Todes" oder ähnlich gepasst, aber nein es war lediglich eine musikalische Unterlegung zu Friedrich Schillers Stück "Der Verbrecher aus verlorener Ehre". Im Nationaltheater in Weimar wird derzeit eine musikalisch-szenische Lesung aufgeführt, der diese Szene entstammt. In dem Stück geht es um den jungen Christian Wolf, den das Leben mit einem schweren Schicksal und schlechtem Aussehen bestraft hat. Als nun seine Angebetete nichts von ihm wissen will und er bei der Beschaffung von Geld für Geschenke als Wilddieb erwischt wird, nimmt das Unheil seinen Lauf. Nach drei Jahren Haft ist er der Ansicht, dass alles, was ihm noch bleibt, seine Selbstachtung und Hass auf die Menschheit ist. Doch erst als er einen Mord begeht, erkennt er, wie unschuldig er im Vergleich dazu vorher war.
Ein fesselndes Thema, da sich Schillers Werk vor allem mit den Ursachen der Taten und nicht mit den Verbrechen an sich beschäftigt. Umgesetzt wurde es nun von zwei Personen mit einem Bühnenbild, das sich aus fünf Stühlen zusammensetzte; Bernd Lange, der das Stück vorlas und Monika Herrmann, die mithilfe ihres Cellos die musikalische Unterlegung vornahm. Für mich persönlich war es das erste Mal, dass ich einer solchen Lesung beiwohnte und meiner Meinung nach ist es eine interessante Idee, ganz getreu nach dem Motto "weniger ist mehr". Dadurch sollte man sich wohl ganz von Bernd Langes Stimme leiten lassen, sich nur auf die Geschichte konzentrieren und die beschriebenen Emotionen durch das Cello intensiver vermittelt bekommen. Leider hatte das Instrument die genau gegenteilige Wirkung. Es lenkte einen ab, riss einen aus der Handlung, so dass man Schwierigkeiten hatte, der Geschichte zu folgen, und übertönte teilweise sogar den Leser. Ob die vielen schiefen Töne beabsichtigt waren oder rein zufällig entstanden sind, weiß mit Sicherheit nur Frau Herrmann selbst, doch auch sie trugen nicht gerade zur Steigerung der Konzentration bei und am Ende der Lesung war ich sicherlich nicht die einzige, die froh war, dem quietschenden Instrument und der schlechten Luft entkommen zu sein.
Alles in allem lässt sich sagen, dass ein interessantes Werk und eine gute Idee leider furchtbar umgesetzt wurden. Allen, die keinen Spaß am Selber lesen haben, rate ich, Bernd Lange doch das nächste Mal zu einem CD-Player an seiner Seite zu überreden.

Eva Schubring, Gk Deutsch 12b




Überraschend gut

In Weimar besuchten wir die musikalisch-szenische Lesung "Der Verbrecher aus verlorener Ehre - eine wahre Geschichte", gespielt von Bernd Lange mit Begleitung von Monika Herrmann am Cello.

Die Geschichte Verbrecher aus Infamie - eine wahre Geschichte von Friedrich Schiller handelt von dem Sonnenwirt Christian Wolf, mit dessen Wirtschaft es nach dem Tod seines Vaters bergab ging. Zusätzlich ist er durch ein unansehnliches Äußeres bestraft. Christian ist in die schöne Johanne verliebt, die seine Gefühle jedoch nicht erwidert. Er versucht, sich ihre Liebe zu erkaufen, da er jedoch nicht genug Geld besitzt, um ihr teure Geschenke zu besorgen, beginnt er mit der Wilderei. Nach einiger Zeit wird er erwischt und muss eine Geldstrafe bezahlen, durch die seine wirtschaftliche Not noch gesteigert wird. Aufgrund fehlender Alternativen führt er die Wilderei fort. Nachdem er ein weiteres Mal verhaftet wird, muss er für ein Jahr ins Zuchthaus. Er hat diese Strafe verbüßt, trotzdem beginnt er wieder mit der Wilderei und wird zu drei Jahren Strafarbeit auf einer Festung verurteilt. Auch danach begibt er sich zurück in seinen Heimatort, wo er mittlerweile nicht mehr geachtet wird. Seine Johanne ist durch Krankheit und Prostitution geschändet und die Wirtschaft verkauft. Er folgt erneut seiner Berufung als Wilddieb und tötet nun aus Vorsatz alles Wild, das er finden kann. Als er einen Hirsch verfolgt, begegnet er dem Jäger, der Johanne bekam und ihn ins Gefängnis brachte, und tötet diesen. Er flieht und begegnet einer Bande von Dieben, Huren und Mördern, deren Anführer er wird. Christian ist bei der Bande angesehen, beschließt jedoch, den Rest seines Lebens als ehrlicher Soldat zu verbringen, weshalb er sich von der Gruppe abwendet. Als er bei einer Grenzkontrolle die Nerven verliert, wird er verhaftet und später gibt er zu, der Sonnenwirt zu sein, der schon lange gesucht wird.

In dem Stück geht es nicht darum, dass eine Tat begangen wurde, sondern warum.
Es geht vor allem um moralische Werte. Dem Schauspieler Bernd Lange ist es sehr gut gelungen, die Besonderheiten der Erzählung hervorzuheben. Kleinere Abschnitte der Geschichte hat er entfallen lassen, da diese nicht zu Verständnis beitragen. Dies ist sehr wichtig, weil so die Spieldauer verkürzt wurde und das Publikum durchgehend konzentriert blieb. Der Wechsel aus Vorlesen und Erzählen hilft der Lesung, weil Lange so häufig dem Publikum direkt zugewandt war. Die Geschichte mit einem Instrument zu verdeutlichen und bildhaft zu machen, war eine sehr gute Idee. Durch die Cello-Begleitung war das Stück abwechslungsreich und spannend. Nur in der Wahl des Instruments hätte ich etwas Vielfältigeres gewählt, um deutlichere Akzente zu setzen. Man kann diese Vorführung nicht als Theater bezeichnen, da nichts wirklich szenisch dargestellt wurde. Trotzdem war dies von den kulturellen Veranstaltungen, die wir mit der Klasse besuchten, eine der besten.

Niclas Schwartau, Gk Deutsch 12b