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 Schuljahr 2010/2011

Die Kraniche des Ibykos

Der 2500. Jahrestag der Schlacht vor Marathon
Eindrücke vom Jubiläumslauf Marathon - Athen am 31. Oktober 2010

Diese Schillerballade kam mir in den Sinn, als ich mit 12.500 Läuferinnen und Läufern im Morgendunst die Zeit bis zum Startschuss "totschlug" und am Himmel plötzlich ein Keil Wildgänse mit lautem Geschrei über die nahe Bergkette zog. Alle schauten wir gebannt auf dieses Schauspiel, gewissermaßen ein Fingerzeig der Natur. Denn Marathon- und Ultramarathonläufe führen uns an die Grenzen der Leistungsfähigkeit des menschlichen Körpers. Aber sie sind nichts verglichen mit dem, wozu andere Geschöpfe in der Lage sind. Streifengänse beispielsweise überqueren im Zuge eines Nonstop-Fluges von rund 14.000 Kilometern in 9000 m Höhe sogar den Himalaya und trotzen dabei in dünner Luft noch den eisigen Gegenwinden.

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Unser Überleben hängt nicht von unserer Ausdauer ab. Doch Fitness ist nützlich. Und Wettkämpfe zu bestreiten ist faszinierend, weil es einfache und klare Regeln gibt, Verdienst nichts und Leistung alles ist. Der Athen-Marathon ist einmalig, obwohl die Strecke nicht leicht und größtenteils auch nicht besonders schön ist. Aber hier, mit der Schlacht von Marathon, hat der Mythos angefangen.

Im Jahre 490 v. u. Z. zogen die Perser zum wiederholten Mal gegen die griechischen Städte und landeten mit ihren Schiffen in der Nähe der Stadt Marathon. Ihre 100.000-Mann-Armee füllte schnell die gesamte Ebene, von den Hügeln der Argaliki im Südwesten bis hin zu den Salzsümpfen des Nordostens. Die 20.000 Griechen unter Miltiades wagten dennoch die offene Schlacht. Sie kamen die Hügel herunter. Sie kamen im Laufschritt und mit ungeheurem Gebrüll. Sie hatten lange geübt, auch in vollem Lauf ihre Reihen geschlossen zu halten. Diese Walze von gleißendem Eisen, dieses infernalische Kampfgebrüll, diese fürchterlich langen Spieße, zwischen denen es kein Durchkommen gab und denen man nicht entrinnen konnte sowie das Meer im Rücken, das jede Flucht begrenzte, führte zum blanken Entsetzen bei den Hilfstruppen und damit zu einer heillosen Flucht an den Flanken. Auch wenn die Perser in der Mitte siegten, waren sie dort eingekesselt. Aber sie zeigten in dieser unglücklichen Schlacht bei Marathon, dass ihr Weltreich kein Zufall war. Alle behielten sie die Nerven. Sie drehten um und marschierten zurück. Sie kämpften sich den Weg zu den Schiffen frei. Miltiades konnte die Einschiffung und Flucht des geschlagenen Heeres nicht verhindern. Und als er sah, dass die Perser Richtung Athen segelten, erkannte er die Gefahr, die der Stadt drohte. Er schickte einen Läufer, um vom Sieg zu berichten und die Einwohner gleichzeitig zu warnen. Dieser wusste, was für Athen auf dem Spiel stand und lief den Lauf seines Lebens. Nenikikamen - freut euch, wir haben gesiegt, sollen seine letzten Worte gewesen sein.

Soweit Legende und Wirklichkeit.

Versammelten sich in den vergangenen Jahren kaum mehr als 3.000 Läuferinnen und Läufer an diesem Ort, so wurden jetzt aufgrund des Jubiläums mit zugelassenen 12.500 aus 89 Ländern (ca. 200 aus Deutschland) die Ölzweige knapp. Verglichen mit anderen großen Läufen handelte es sich dennoch um ein eher beschauliches Ereignis. Berlin, London oder New York bringen es jeweils auf fast oder über 40.000. Nach einer Art marathonischem Eid verlief der Start wie üblich: Alle hatten sich fest vorgenommen, es zunächst ruhig angehen zu lassen und stoben dann wie eine Herde Antilopen auf der Flucht vor einem Löwenrudel davon.

Die Strecke aus Marathon heraus ist relativ flach, nach 5 km wird der 9 m hohe Grabhügel mit den Überresten der 192 griechischen Toten der Schlacht in einem großen Bogen von etwa 2 km Länge umrundet. Pflichtprogramm. Danach geht es bis Kilometer 32 fast nur noch bergauf, teilweise mit üblen Steigungen. Das anschließende und zunächst abrupte Gefälle nach Athen hinein ist dann keine wirkliche Erleichterung, das große Sterben beginnt ziemlich früh. Keine flache und schnelle Strecke wie Berlin oder London, kein Ort für Rekorde oder persönliche Bestleistungen.

Irgendwann geht es gradlinig hinein in das hufeisenförmige Panathinaikon-Stadion im Zentrum der Stadt. Mit dem Zieleinlauf in diesen olympischen Marmortempel können auch das Brandenburger Tor oder der New Yorker Central Park nicht mithalten. Geschichtsträchtigkeit schnürt einem schlicht die Kehle zu.

Dank der Gunst der Götter brachte ich es auf eine Nettozeit von 3:47:53 und Platz 1764. Laufereignis und Rahmenprogramm waren perfekt organisiert, die vielen Eindrücke überwältigend. Marathon-Athen am 31. Oktober 2010. Ein feierlicher, würdiger Moment für 2500 Jahre Geschichte. EFHARISTÓ HELLAS!

"Few things in life match the thrill of a marathon", äußerte einmal der Begründer des New York City Marathons, Fred Lebow. Es wäre toll, wenn eines Tages die/der eine oder andere unserer laufbegeisterten Schülerinnen/Schüler einen solchen Klassiker unter die Füße nimmt. Ihr schafft das! Mein großer Respekt gilt all denen, die hinausgehen in die einsamen Straßen und sich die Lunge aus dem Leib laufen für einen Traum. Die den Mut haben, an den Start eines großen Rennens zu gehen und manches Mal einen hoffnungslosen Kampf kämpfen. Aber entscheidend im Leben ist nicht so sehr, zu siegen, sondern das Beste aus sich herauszuholen, sagte Coubertin bei der Wiedereinführung der Olympischen Spiele im Jahre 1896.

Harry Kreuzmann

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