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Unser Überleben hängt nicht von unserer
Ausdauer ab. Doch Fitness ist nützlich. Und Wettkämpfe zu bestreiten
ist faszinierend, weil es einfache und klare Regeln gibt, Verdienst
nichts und Leistung alles ist. Der Athen-Marathon ist einmalig, obwohl
die Strecke nicht leicht und größtenteils auch nicht besonders
schön ist. Aber hier, mit der Schlacht von Marathon, hat der Mythos
angefangen.
Im Jahre 490 v. u. Z. zogen die Perser
zum wiederholten Mal gegen die griechischen Städte und landeten mit
ihren Schiffen in der Nähe der Stadt Marathon. Ihre
100.000-Mann-Armee füllte schnell die gesamte Ebene, von den Hügeln
der Argaliki im Südwesten bis hin zu den Salzsümpfen des Nordostens.
Die 20.000 Griechen unter Miltiades wagten dennoch die offene
Schlacht. Sie kamen die Hügel herunter. Sie kamen im Laufschritt und
mit ungeheurem Gebrüll. Sie hatten lange geübt, auch in vollem Lauf
ihre Reihen geschlossen zu halten. Diese Walze von gleißendem Eisen,
dieses infernalische Kampfgebrüll, diese fürchterlich langen
Spieße, zwischen denen es kein Durchkommen gab und denen man nicht
entrinnen konnte sowie das Meer im Rücken, das jede Flucht begrenzte,
führte zum blanken Entsetzen bei den Hilfstruppen und damit zu einer
heillosen Flucht an den Flanken. Auch wenn die Perser in der Mitte
siegten, waren sie dort eingekesselt. Aber sie zeigten in dieser
unglücklichen Schlacht bei Marathon, dass ihr Weltreich kein Zufall
war. Alle behielten sie die Nerven. Sie drehten um und marschierten
zurück. Sie kämpften sich den Weg zu den Schiffen frei. Miltiades
konnte die Einschiffung und Flucht des geschlagenen Heeres nicht
verhindern. Und als er sah, dass die Perser Richtung Athen segelten,
erkannte er die Gefahr, die der Stadt drohte. Er schickte einen
Läufer, um vom Sieg zu berichten und die Einwohner gleichzeitig zu
warnen. Dieser wusste, was für Athen auf dem Spiel stand und lief den
Lauf seines Lebens. Nenikikamen - freut euch, wir haben gesiegt,
sollen seine letzten Worte gewesen sein.
Soweit Legende und Wirklichkeit.
Versammelten sich in den vergangenen
Jahren kaum mehr als 3.000 Läuferinnen und Läufer an diesem Ort, so
wurden jetzt aufgrund des Jubiläums mit zugelassenen 12.500 aus 89
Ländern (ca. 200 aus Deutschland) die Ölzweige knapp. Verglichen mit
anderen großen Läufen handelte es sich dennoch um ein eher
beschauliches Ereignis. Berlin, London oder New York bringen es
jeweils auf fast oder über 40.000. Nach einer Art marathonischem Eid
verlief der Start wie üblich: Alle hatten sich fest vorgenommen, es
zunächst ruhig angehen zu lassen und stoben dann wie eine Herde
Antilopen auf der Flucht vor einem Löwenrudel davon.
Die Strecke aus Marathon heraus ist
relativ flach, nach 5 km wird der 9 m hohe Grabhügel mit den
Überresten der 192 griechischen Toten der Schlacht in einem großen
Bogen von etwa 2 km Länge umrundet. Pflichtprogramm. Danach geht es
bis Kilometer 32 fast nur noch bergauf, teilweise mit üblen
Steigungen. Das anschließende und zunächst abrupte Gefälle nach
Athen hinein ist dann keine wirkliche Erleichterung, das große
Sterben beginnt ziemlich früh. Keine flache und schnelle Strecke wie
Berlin oder London, kein Ort für Rekorde oder persönliche
Bestleistungen.
Irgendwann geht es gradlinig hinein in
das hufeisenförmige Panathinaikon-Stadion im Zentrum der Stadt. Mit
dem Zieleinlauf in diesen olympischen Marmortempel können auch das
Brandenburger Tor oder der New Yorker Central Park nicht mithalten.
Geschichtsträchtigkeit schnürt einem schlicht die Kehle zu.
Dank der Gunst der Götter brachte ich es
auf eine Nettozeit von 3:47:53 und Platz 1764. Laufereignis und
Rahmenprogramm waren perfekt organisiert, die vielen Eindrücke
überwältigend. Marathon-Athen am 31. Oktober 2010. Ein feierlicher,
würdiger Moment für 2500 Jahre Geschichte. EFHARISTÓ HELLAS!
"Few things in life match the thrill
of a marathon", äußerte einmal der Begründer des New York City
Marathons, Fred Lebow. Es wäre toll, wenn eines Tages die/der eine
oder andere unserer laufbegeisterten Schülerinnen/Schüler einen
solchen Klassiker unter die Füße nimmt. Ihr schafft das! Mein
großer Respekt gilt all denen, die hinausgehen in die einsamen
Straßen und sich die Lunge aus dem Leib laufen für einen Traum. Die
den Mut haben, an den Start eines großen Rennens zu gehen und manches
Mal einen hoffnungslosen Kampf kämpfen. Aber entscheidend im Leben
ist nicht so sehr, zu siegen, sondern das Beste aus sich
herauszuholen, sagte Coubertin bei der Wiedereinführung der
Olympischen Spiele im Jahre 1896.
Harry Kreuzmann
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